Ich habe nie so richtig darauf geachtet.
Als Architekturinteressierte war mein Blick zwar meist auf die oberen Geschosse der Häuser und weniger auf die vorbeieilenden Passantinnen und Passanten gerichtet, und doch war mir lange Zeit entgangen, was sich direkt vor meinen Augen befand.
Die Fassade des Tiroler Landesmuseums – Ferdinandeum in Innsbruck hatte ich unzählige Male gesehen – ohne wirklich hinzusehen.
Erst beim Stöbern nach Informationen zu Hermann von Gilm zu Rosenegg wurde mir bewusst, dass sich hier eine ganz eigene Informationsquelle auftat. Eine, die nicht in Archiven oder Bibliotheken beginnt, sondern auf dem Gehsteig. Mit diesem Moment nahm eine neue, unerwartet spannende Reise in die Geschichte Tirols ihren Anfang – ausgelöst durch eine Fassade.
Von dort aus betrachtete ich das Gebäude neu. Über den Fenstern, auf Augenhöhe kaum wahrnehmbar, recken sich Köpfe mit auffallend langen Hälsen nach vorne. Sie sitzen in regelmäßigem Rhythmus oberhalb der Fensterachsen an der Südfassade des Museums. Zwei Geschossreihen sind damit besetzt. Vom Boden aus lassen sich diese Büsten nur schwer erfassen; mehr schlecht als recht versuchte ich, sie mit der Kamera festzuhalten. Doch gerade dieses mühsame Erfassen verlangsamte den Blick – und schärfte ihn zugleich.
Die aktuellen Umbauarbeiten (2024 – 2028) verlegen den Fokus direkt auf die Hülle, denn das Innere samt Kunst ist unzugängliche Baustelle. Ein Bauzaun rahmt das historische Bauwerk ein und kommuniziert mit Schlagworten mit der Außenwelt.
Hierzu wurde 2024 ein künstlerischer Wettbewerb namens „Kunst an der Baustelle“ ins Leben gerufen, um temporäre Kunstinstallationen während der Bauphase nach Außen zu tragen.
Die Künstlerinnen AliPaloma und Johanna Tinzl dürfen ihre eingereichten Konzepte realisieren.
Beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass dieser Fassadenschmuck keinem dekorativen Zufall folgt. Zwischen dem ersten und zweiten Obergeschoss entfaltet sich ein bewusst gesetztes Programm: In Stein verewigt sind Persönlichkeiten, deren Wirken für Tirol als bedeutend erachtet wurde. Manche Namen erscheinen vertraut, andere wirken heute beinahe vergessen.
Was auf jeden Fall sofort auffällt, ist die besonders niedrige Frauenrate. Nur eine Frau auf 23 Männer ist ein trauriger Schnitt. Immerhin wachen drei weibliche Figuren in Form von Tyrolia im Zentrum, Minerva/Athene (als Göttin der Wissenschaft) zur Linken und der Allegorie der Künste zur Rechten über alles.
Im Fries zwischen dem 1. und 2. Obergeschosses sind folgende Künstler verewigt.
Paul Dax, Kartograph und Glasmaler, eröffnet diese Reihe. Ihm folgen Gregor Löffler, Bronzegießer, Alessandro Vittoria und Alexander Colin, beide Bildhauer. Mit Martin Knoller, Joseph Schöpf, Angelika Kauffmann als einzige Frau und Michelangelo Unterberger ist die Malerei vertreten, während Franz Anton von Zauner und Dominikus Mahlknecht erneut für die Bildhauerkunst stehen. Den Abschluss bilden Johann Baptist Lampi der Ältere und Joseph Anton Koch. Alle blicken sie still auf die Straße hinab – gleichwertig nebeneinander, eingebunden in ein größeres Ganzes.
Paul Dax (Kartograph, Glasmaler)
Gregor Löffler (Bronzegießer)
Alessandro Vittoria (Bildhauer)
Alexander Colin (Bildhauer)
Martin Knoller (Maler)
Joseph Schöpf (Maler)
Angelika Kaufmann (Malerin)
Michelangelo Unterberger (Maler)
Franz Anton Zauner (Bildhauer)
Johann Baptist Lampi d. Ä. (Maler)
Joseph Anton Koch (Maler)
Dominikus Mahlknecht (Bildhauer)
Noch eine Ebene höher, fast schon dem flüchtigen Blick entzogen, begegnet man den Dichtern und Wissenschaftlern.
Sie sind oberhalb der Fenster des zweiten Obergeschosses positioniert und verlangen ein noch bewussteres Hinsehen. Hier finden sich Oswald von Wolkenstein, Dichter und Musiker, Hieronymus Tartarotti, Geschichtsforscher, sowie Joseph Resch, Historiker und Theaterdichter. Es folgen Johann Anton Scopoli, Arzt und Naturforscher, der Kartograph Peter Anich, der Historiker und Reiseschriftsteller Jakob Philipp Fallmerayer, der Sprach- und Geschichtsforscher Joseph Bergmann, der Philosoph Anton von Rosmini, der Theologe Pius Zingerle – und schließlich Hermann von Gilm zu Rosenegg, dessen Name mich ursprünglich hierhergeführt hatte.
Oswald von Wolkenstein (Dichter, Musiker) 1376-1445
Hieronymus Tartarotti (Geschichtsforscher)
Joseph Resch (Historiker + Theaterdichter)
Johann Anton Scopoli (Arzt, Naturforscher)
Peter Anich (Kartograph)
Jakob Philipp Fallmerayer (Historiker, Reiseschriftsteller,…)
Joseph Bergmann (Geschichts- und Sprachforscher)
Anton von Rosmini (Philosoph)
Hermann von Gilm zu Rosenegg (Lyriker)
All diese Büsten wurden von Anton Spagnoli nach den Abbildern der Dargestellten geschaffen. Auch die Giebelgruppe der Tyrolia stammt von ihm, nach Entwürfen von Joseph Gasser von Valhorn. Damit wird deutlich: Die Fassade ist nicht bloß ein Sammelsurium großer Namen, sondern Ausdruck eines klar formulierten kulturellen Programms.
Dass dieses Programm nicht unumstritten war, zeigt ein Blick in zeitgenössische und spätere Auseinandersetzungen.
Ellen Hastaba widmete sich 2003 ausführlich der Frage, wie angemessen ein solcher Fassadenschmuck für ein Landesmuseum sei. Ausgangspunkt war eine bereits im 19. Jahrhundert provokant formulierte Kritik, die sich an der Darstellung nackter oder halbnackter Figuren entzündete.
„Bilden verstümmelte nackte Torso, nackte Knaben und halbnackte Weiber einen geeigneten,
charakteristischen, einen ehrenvollen und kunstgerechten Schmuck für ein tirolisches Landesmuseum‘.’“
Liest man diese Worte heute, wirken sie beinahe fremd – und doch machen sie sichtbar, wie sehr die äußere Erscheinung des Museums über Jahrzehnte hinweg umkämpft war.
Der Titel ihres Beitrags lautete:
Programm mit Zufall und Abstrichen –
gesamttirolisch ausgerichtet: Die Fassade des Tiroler
Landesmuseums Ferdinandeum
Dabei war das Ferdinandeum von Beginn an als bedeutender Ort gedacht. Als erster eigens errichteter Museumsbau Tirols wurde es 1845 nach Plänen von Anton Mutschlechner eröffnet. Schon bald jedoch empfand man seine äußere Erscheinung als unbefriedigend. Kritisiert wurde ein Mangel an gestalterischer Klarheit – ein Gebäude, entstanden in einer Zeit des Suchens zwischen verschiedenen Stilrichtungen.
Die ursprüngliche Fassade war allerdings keineswegs schmucklos. Ein großer Giebelfries von Michael Stolz mit der allegorischen Darstellung „Kunst und Industrie in Tirol“ zierte das Haus, musste jedoch 1871 aus Sicherheitsgründen entfernt werden. Erst Jahrzehnte später nahm man das Projekt einer umfassenden Neugestaltung wieder auf.
1882 fiel schließlich die Entscheidung, an der Front des Museums Büsten berühmter, bereits verstorbener Tiroler anzubringen. Nach mehreren verworfenen Entwürfen wurde der junge Architekt Natale Tommasi aus Trient mit der Planung beauftragt. Sein Konzept sah nicht nur eine neue Fassade, sondern auch ein zusätzliches Stockwerk vor. Mit der Aufstellung der Allegorien von Franz Baumgartner zu beiden Seiten der Tyrolia im Jahr 1902 und den Sphingen am Eingang ein Jahr später fand der lange Umbau schließlich seinen Abschluss.
Neues Künstlerabbild und Kunst
Seit der Fertigstellung waren die Medaillons an der Ost- und Westfassade unbesetzt. Dies änderte sich erst, als die Mitglieder des Ferdinandeums-Vereins entschieden, dem Künstler Max Weiler ein Denkmal zu setzen. Die Büste mit seinem Abbild wurde 2011 von Johannes Schlögl und Markus Jestl geschaffene und an der Ostfassade positioniert.
Max Weiler (Maler)
Eine Intervention im öffentlichen Raum und gleichzeitig an der Westfassade des Museums war von 2021 bis 2023 zu sehen. Julia Bornefelds Skulptur „sentire“ (2020) war dafür verantwortlich. Das Ohr an der Fassade zeigte ein ganz neues modernes Konzept. Von historischen Vorbildern zur Entfremdung und neuen Verknüpfung dieses menschlichen Sinnesorgans.
Julia Bornefeld – Tiroler Landesmuseen 2025
Das historische Bild wird erhalten bleiben und trägt das Potential auf Erweiterung und Entwicklung in sich.
Mit Mut und frischen Ideen könnte das alte neue Museum auch von Außen zum Leben erweckt werden.
Ich bin gespannt was die Zukunft bringt!
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