Ilse Glaninger-Balzar . Sichtbarkeit

Eine Tiroler Bildhauerin gesucht und gefunden:

 

Am Anfang

 

Wie ich auf die Doyenne der Tiroler Bildhauerszene gestoßen bin – hier kurz erklärt:

 

Für die Mailart Ausstellung 2025 zum Thema „fanart about female art“ habe ich gemeinsam mit den Urban Sketchers Innsbruck nach einer Skulptur im öffentlichen Raum in Innsbruck gesucht, welche passend zum Thema, von einer Künstlerin gestaltet wurde. Diese soll als Vorlage für die Gestaltung der künstlerischen Postkarten dienen.

 

Zuerst fand ich kein einziges Werk!

 

Es mangelt der Stadt Innsbruck keinesfalls an Statuen, Skulpturen und Objekten im Stadtbild, aber die sehr stark männlich geprägte Szene der Bildhauerei und gleichzeitig wohl auch die Intention der Entscheidungsträger:innen von damals scheinen ein deutliches Ungleichgewicht aufzuzeigen.

Was Fassadengestaltungen angeht, tut sich aktuell mit Auftragsarbeiten, welche vereinzelt auch an Künstlerinnen vergeben werden, wieder ein neues Fenster auf. Melanie Gandyra, Inga Krause und Claudia Fritz sind hier zu erwähnen.

 

Nach langem Suchen entdeckte ich folgende sehr sehenswerte Onlineseite mit der Rubrik Kunst am Bau des Fotografen Kohlert Florian. Hier wurde ich nun endlich fündig und konnte den Rossbrunnen vor der Pfarrkirche Wilten-West von der Tiroler Bildhauerin Ilse Glaninger-Balzar ausmachen.

 

 

Das Buch „Ilse Glaninger-Balzar“ aus dem Jahr 1980 hat mich sehr beeindruckt, auf der Suche nach weiteren Fundstücken unterstützt und mich dazu bewogen, einen Beitrag über die einst liebevoll „Bärenfrau“ genannte Bildhauerin aus Innsbruck zu verfassen.

 

 

Kurzer Überblick

 

Ilse Hallhuber kam am 02. Mai 1919 in Innsbruck zur Welt.

Hans Pontiller war ihr Lehrmeister (Staatsgewerbeschule in Innsbruck) und führte sie in die Techniken der Bildhauerei ein.

 

Weitere Vorbilder wie Ossip Zadkime, Käthe Kollwitz und Ewald Mataré folgten.

Das Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und ein Stipendium des Französischen Kulturinstituts in Paris waren Grundlage für ihren weiteren Lebensweg.

 

Der Tod ihres ersten Mannes Walter Glaninger als Soldat während des 2. Weltkriegs und des gemeinsamen Kindes bei der Geburt sowie die Erlebnisse während des Einsatzes als Rot-Kreuz-Helferin und Lazarettschwester waren sicher prägende Einschnitte in ihrem Leben.

 

Trotzdem, oder gerade deswegen, entwickelte sich die Innsbrucker Künstlerin als Gründungsmitglied der Tiroler Künstlerschaft und Vertreterin der Tiroler Bildhauer im Vorstand, zu einer starken Persönlichkeit.

 

Ab 1948 arbeitete Ilse Glaninger als freischaffende Künstlerin und erhielt einige öffentliche Aufträge wie für „Kunst am Bau“, Tiroler Kirchen und den Film Blaubart.

1962 heiratete sie den Ingenieur Ladislaus Balzar.

1980 wurde ihr das Kulturehrenzeichen der Stadt Innsbruck verliehen.

Am 04. November 1998 verstarb Ilse Glaninger-Balzar in ihrer Heimatstadt.

 

 

Besichtigungen

 

So machte ich mich auf, einige Nachlässe an die Tiroler Bevölkerung vor Ort zu besichtigen.

 

„Der Rossbrunnen“

 

in der Egger-Lienz-Straße, direkt vor der Pfarrkirche Wilten West, beeindruckt durch seine Einfachheit.

Die Skulptur der Künstlerin stammt aus dem Jahr 1971.

Eine Bronzefigur, bestehend aus zwei ineinander verflochtenen Pferdeköpfe, steht in einem einfachen Waschbetontrog. Unterhalb der Köpfe ragen zwei einfache Wasserauslässe heraus und stellen die Versorgung des Beckens.

 

      ©cjas

 

 

Ansicht vor dem Umbau aus dem  Tiroler Kunstkataster

 

 

Noch einige Zeit zuvor, so zeigt es Innsbruck erinnert auf, hat der Originalbrunnen ganz anders ausgesehen und agiert:

„Mit der Neuplatzierung sind ein paar Abweichungen zum Original erkennbar. Der Brunnen selbst war wesentlich kleiner und hatte dem Anschein nach ein quadratisches Maß – heute ist dieser quasi rechteckig. Der Sockel, auf dem die Pferdeköpfe „stecken“, hat sich ebenfalls geändert. Damals ein vergleichsweise schlankes Gestänge und heute ein massiver Block. Mit dieser Umstellung geht auch ein veränderter Wasserlauf einher. Früher mehrere kleine Rinnsale und heute zwei größere Ausstoßrohre.“

 

 

© innsbruck erinnert

 

 

Der Brunnen ist heute das Zentrum des kleinen Platzes. Ein eingefärbter geschliffener Asphalt bildet seit dem Anbau der Wohnanlage Wilten West die Bodenfläche. Am Rand wurde eine geschwungene Sitzbank als Abschluss zum Südring hergestellt.

 

Vor Ort weist leider nichts darauf hin, dass dieses Werk eines der wenigen aus Frauenhand geschaffenen in der Landeshauptstadt von Tirol darstellt.

 

Eine Beschilderung würde eine große Verbesserung darstellen.

 

 

©cjas

 

 

Die kleine Janusköpfige Skulptur wirkt durch die fragmentierte und löchrige Struktur sehr feingliedrig und zart. Sie strahlt ein harmonisches Bild aus und lässt den Raum um sich und die Architektur der Kirche wirken.

 

 

„Gänse“

 

Auch bei dieser Bronze wurden zwei Tierkörper miteinander verschmolzen. Die kleine Figur, positioniert vor der Volksschule in Neuarzl aus dem Jahr 1950, hatte die Tiroler Bildhauerin noch mit einer sehr kompakten und geschlossene Oberfläche gestaltet. Auf der Oberfläche entdeckt man feine Einkerbungen und Strukturen.

 

 

    

©cjas

 

 

„Landestheater Ibk“

 

Die massiven Türplatten für das Landestheater wurden ebenfalls von Ilse Glaninger-Balzar gestaltet.

 

Seit 2007 wurden jedoch die großen schweren Portale des Großen Hauses durch barrierefreie Glastüren ersetzt und somit wechselten diese viel berührten Kunstwerke vom Rampenlicht in ein Archiv.

 

Wie schön wäre es, diese wieder benutzt zu sehen und ihrer ehemaligen oder einer gleichwertigen Bestimmung zurück zu führen!

 

Dank den Mitarbeitern des Landestheaters bekam ich die Möglichkeit diese zu besichtigen und davon Fotos zu machen.

Hier ein link zur Geschichte des Tiroler Landestheater, um einen kleinen Überblick zu erhalten.

 

 

 

  ©cjas

 

 

„Sakrale Kunst“

 

Bei der Marienkirche in Wattens stechen die imposanten Bronzeportale von Ilse Glaninger-Balzar bereits hervor, bevor man die Kirche betreten hat.

 

Die mächtigen Eingangstore auf der Ostseite weisen wunderbare Strukturwelten auf und warten weiteres mit farbigen Intarisen auf, welche die erzählten Geschichten der Kirchenpatronin Maria noch klarer darstellen.

 

 

 

©cjas

Mitte: Maria als Königin der Märtyrer

Links: Maria als Trösterin der Betrübten

Rechts Maria als Ursache unserer Freude

 

   

©cjas

 

Hier ein link zur Geschichte der Marienkirche und den detaillierten Beschreibungen zu den Portalen und dem ebenfalls von der Künstlerin gestalteten Kreuzaltar, den Ambonen und den Sandsteinreliefs im Inneren.

 

Weitere sakrale Werke in Tirol entdecken:

 

Ilse Glaninger-Balzar schuf Skulpturen für Kirchen in Innsbruck, Nauders, Scharnitz, Seefeld, Silz, Rotholz, Telfs, Wattens und Wörgl.

 

Pfarrkirche Wilten-West (Skulpturen AuferstandenerPfingstwunder, Familienaltar, Taufaltar) 1968–1976

 

Kriegerdenkmal an der Nord-Ost-Wand der Pfarr- und Wallfahrtskirche Seefeld in Tirol 1959

 

Taufkapelle Wörgl – künstlerische Ausgestaltung 1964

 

St. Georgs – Auferstehungskirche in Telfs 1977-78

 

Pfarrkirche Sölden im Ort Rettenbach – Volksaltar 1978

 

Rotholz Kirche St. Sebastian – Dreiviertelrelief, Türgriffe 1960

 

Nauders Burgkapelle St. Leonhard – Terrakotta 1958

 

Scharnitz Zwölf Apostel – Seitenaltäre Terrakotta 1954

 

Pfarrkirche Silz – Volksaltar, Ambo, Leuchter, Antependium und Priesterbank 1972–1974

 

 

Portrait Büsten

 

    

©“Tiroler Bildhauer : plastisches Schaffen in Nord-, Süd- und Osttirol“, Ilse Glaninger-Balzar

 

 

Dichter wie Max Mell, Josef Leitgeb, Rudolf Henz, Raimund Berger, Felix Braun und viele mehr wurden von Ilse  mit viel Einfühlsamkeitsvermögen erfasst und als aussagekräftige Plastik festgehalten.

 

Ein guter Freund, Franz Theodor Csokor,  wurde ebenfalls portraitiert und nannte sie einst „Bärenweib“.

 

Im Foyer des Burgtheaters Wien wurde 1963 die von Ilse erstellte Porträtbüste von

Ferdinand Raimund positioniert.

 

Felix Braun verfasste 1962 folgenden Text über die Tiroler Bildhauerin. Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 60 und 61) – MAK Hauspublikationen und wies auf die zarten Anfänge des abstrakten Bildhauerei in Tirol hin.

 

Nicht so weit wie die Bildhauer und Erzgießer anderer Völker wagen sich die des Alpenlandes vor: denn sie leben innerhalb einer großen Natur. Gleichwohl entscheiden auch sie sich für ein gewisses Maß an Abstraktion das die Kontinuität selbst im Material aufhebt und nur die essentiellen Momente betont.“

 

Frauen in der Kunst – das war und ist noch immer nicht leicht.

Bildhauer:innen im Besonderen, entgegnete man seit jeher mit tief verwurzelten Vorurteilen.

Daher sind starke weibliche Persönlichkeiten, welche sich zur damaligen Zeit in diesem Feld gegen die Konkurrenz durchgesetzt haben, besonders als Vorbilder zu sehen und deren Lebensweg zu beleuchten.

 

Über weitere Informationen und Geschichten zu persönliche Erlebnissen, und Bildern zu Werken der Innsbrucker Bildhauerin würde ich mich sehr freuen.

 

 

Veranstaltung 01:

Am 27.06.2025 um 14:00 Uhr fand nun das Treffen mit den URBAN SKETCHERS INNSBRUCK statt. Treffpunkt: Rossbrunnen vor der Pfarre Wilten West

 

    ©usi

©cjas

Danke für Euer Kommen!

 

 

Die Texte und Bilder in diesem Beitrag sind urheberrechtlich geschützt und stammen von Claudia J.A. Lechner, sowie von Innsbruck erinnert, dem Tiroler Kunstkataster, dem Buch „Tiroler Bildhauer : plastisches Schaffen in Nord-, Süd- und Osttirol“ von Ilse Glaninger-Balzar und den Urban Sketchers Innsbruck.

 

 


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