Das Flechten von Weidenkörben war früher im bäuerlichen Umfeld weit verbreitet und eine gute Beschäftigung für die kalte Jahreszeit. In Tirol wurden hier dafür Haselzweige verwendet und die „Kraxn“, Körbe und vieles mehr für den Eigengebrauch hergestellt. Doch diese Tradition ist nur mehr selten anzutreffen.
Die Verwendung von Weidenzweigen hat in Tirol keine große Tradition, doch in Ländern wie Deutschland, Polen und Frankreich gibt es eigene Schulen, bei denen die grundlegenden Techniken für die verschiedensten Berufswünsche und Ausformungen erlernt werden können, denn das Feld ist umfangreich und kennt keine Grenzen.
Möbelbau, Hutmacherei, Korbflechtkunst für die verschiedensten Bereiche, Gartenkunst, lebende Architektur, Floristik, …
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Das Handwerk wurde ursprünglich meistens von Männern betrieben, da das Flechten der Weidenzweige eine körperlich sehr anstrengende Arbeit ist. Doch von dieser Tatsache ließ sich die energetische Tirolerin, um die sich dieser Beitrag dreht, nicht abschrecken.
Lydia Schwaninger wohnt in Wattens in einem wunderschönen Häuschen, umrahmt von einem zauberhaften Garten voller Kräuter und Pflanzen. Aus einer einzelnen Pflanze und dem Wunsch, den jährlichen Rückschnitt nützlich zu verwenden, entstand mit der Zeit ein ganzes Universum voller Ideen und ein kleines Feld mitten im Siedlungsgebiet von Volders, welches liebevoll bepflanzt mit den verschiedensten Weidenarten und Sträuchern als Versuchslabor und nachwachsendes Materiallager aufwartet.
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Der Hintergrund einer kreativen Ausbildung in der Ferrarischule für Mode in Innsbruck war sicherlich ein guter Einstieg in die Welt des kreativen Schaffens. Das Herstellen von Schnittmustern und das genaue sorgfältige planen und berechnen für eine gute Vorbereitung ist in der Flechtkunst eine wichtige Grundlage, um dieses Handwerk zu betreiben.
Bei einem Ostermarkt in der Altstadt von Hall in Tirol habe ich vor zwei Jahren die wunderschönen Objekte und Körbe am Marktstand der Wattnerin entdeckt und war sofort verliebt. Man spürt die Leidenschaft für das Schöne und die Formen der Natur in jedem Stück.
Bei unserem Treffen gewährte mir die charismatische Einzelunternehmerin einen Einblick in den Kreislauf der Arbeit des Korbflechtens:
Alles beginnt mit einer lebenden Pflanze. Das ganze Jahr über arbeitet man daran, dass diese wächst und gedeiht. Bei dieser Monokultur im kleinen Rahmen und dem Wunsch auf Gifte und künstlichen Dünger zu verzichten, setzt Lydia Schwaninger auf natürliche Helfer und einen biologischen Gartenanbau. Vögel und Insekten werden angelockt und zur Mitarbeit eingeladen.
Die Pflanzen der Gattung „Salix“ wie die Korkenzieherweide, Purpurweide, Fahlweide und viele mehr werden auf ihre unterschiedlichen Eigenschaften getestet und bestechen mit ihren verschiedenartigen Formen und Farben. Jedes Flechtwerk benötigt ein anderes Ausgangsmaterialien, welches sich z.B. in der Länge, Dicke, Stabilität, Qualität und Verästelung im Bereich der Spitzen bemerkbar macht.
Trotz aller Mühe kommt es in bestimmten Jahren zu Ernteausfällen oder schadhaften Stellen. Hier achtet Lydia mit ihren strengen Grundsätzen genau darauf, dass die Qualität der Produkte niemals darunter leidet. Die Pflanzen gedeihen nur auf sonnigen Flächen. In Tirol wachsen diese oft am Ufer des Inn.
Die Ruten werden einmal jährlich in der Winterzeit komplett zurückgeschnitten, sortiert, gebündelt,
und zum trocknen in der Garage aufgestellt. Diese können auch frisch verarbeitet werden, aber gerade für die Herstellung von Objekten für den Außenbereich ist die Verwendung von getrockneten Zweigen vorteilhafter, da diese nach einer einjährigen Trocknungszeit viel langlebiger und stabiler sind. Hier kann man zwischen Lebendholz und Totholz unterscheiden. Es gibt dann noch geschälte Äste, welche noch stabiler sind und oft für die Grundstruktur oder Körbe zum Einsatz kommen.
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Mit den Rutenbündeln auf das Dach des kleinen Lieferwagens geschnallt, fährt die Tirolerin voller Stolz durch ihr Heimatdorf und auch die Dankbarkeit gegenüber jeder einzelnen Pflanze wird spürbar.
Weitere Pflanzen wie Rosensträucher, Lavendelbüsche und Efeu werden zum Flechten verwendet und auch bei Spaziergängen inspirieren und vervollständigen kleine „Dinge vom Wegesrand“ den Kreis des Schaffens.
Die getrockneten Ruten vom Vorjahr werden vor der Verarbeitung einige Tage in mit Wasser gefüllten Brunnen eingeweicht und mit Steinen beschwert.
Planung ist alles, denn man muss genau wissen in welcher Zeit man aus welchen Ruten welche Werke erstellen möchte und kann.
Die zur Verwendung kommenden Zweige werden dann in der gemütlichen Stube auf einer Liege direkt an einem großen, den Raum erhellenden Fenster, bearbeitet. Die weiße Decke als Unterlage bietet den notwendigen Kontrast zu dem bräunlichen Arbeitsmaterial und ein kleiner Werktisch mit nur zwei Beinen an einer Seite wird dann auf dem Schoß positioniert.
Werkzeuge wie ein scharfes Korbmachermesser (Schalm) um die Stecken anzuspitzen (anschalmen), einem dünnen und dicken Pfriem um Platz im Geflecht zu schaffen und das Werkstück auf dem Werktisch zu befestigen, sowie das Schlageisen zum Nachschlagen der Flechtreihen für ein kompaktes Bild, kommen nun zum Einsatz. Auch zwischen den Beinen werden die Objekte oft eingeklemmt.
Ich durfte dann auch einige Zweige in eine Kugel einflechten, um ein Gefühl für die Arbeit und die verschiedenen Materialien zu bekommen. Es sieht einfach aus, ist es aber nicht. Die zeitintensive und anstrengende Bearbeitung verbindet mit dem natürlichen Material und kann süchtig machen. Es geht um Intuition, Kontrolle, ein ausgewogenes Farbenspiel und den erhalt der gewünschten Formensprache. Die Objekte von Lydia bestechen besonders mit der Umsetzung von organischen Formen, Komplexität und Einfachheit zu gleich. Die Verwendung von hochwertigen und regionalen Produkten vervollständigen beim Anbringen von Tragegurten oder dem WeidenArt Etikett aus Leder das Ergebnis. Auch hier wird mit Hand genäht.
Auf jeden Fall können hier keine Roboter oder eine KI diese handwerklich anspruchsvolle Arbeit übernehmen. Es sollte jedem bewusstwerden, wie viel Liebe und Zeit in jedem einzelnen Produkt steckt und dass der Preis aufgrund dieser Unkenntnis leider aktuell viel zu tief angesetzt wird.
Ich hoffe das sich diese Tatsache in Zukunft ändert!
Lydia Schwaninger kann also leider von Ihrem Handwerk trotz der investierten Zeit und dem Aufwand nicht leben. Die Produkte verkauft sie auf Märkten und stellt auch gerne Sonderanfertigungen und Bestellungen her. Im Frühjahr gibt sie Kurse in der Erwachsenenschule in Baumkirchen, welche immer schnell ausgebucht sind. Auch im Höfemuseum in Kramsach bietet sie dreimal jährlich den Interessierten Vorführungen zum Thema Weidenflechten an. Beim Kirchtag ist sie ebenfalls vertreten.
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Außerdem stellt die Naturbegeisterte Powerfrau regelmäßig bezaubernde Bilder in ihren WhatsApp Status um Werbung zu machen und „geheime Botschaften“ zu vermitteln.
Ihr Wissen hat sie sich seit über 20 Jahren selbst angeeignet und besucht immer wieder Fachkurse und nimmt Privatunterricht bei anderen europäischen Künstlern und Kunsthandwerkern.
Die Freude an der erfüllenden Arbeit kann man ihr gut ansehen und es ist schön, dass sie dank der Unterstützung ihrer Familien und der vielen Begeisterten ihres Handwerks daran festhält.
Für die Zukunft wünscht sich die Perfektionistin die Freiheit noch mehr Zeit in die Qualität ihrer Werke investieren zu können und im Gegenzug weniger davon herstellen zu müssen. Ganz nach dem Motto Qualität vor Quantität!
Schaut euch die Schulen an! Unglaublich, was hier alles entsteht und gelehrt wird:
- Statliche Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung
Staatl. Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung | (flechtausbildung.de)
- Korbfachschule von Fayl-Billot (Frankreich)
SR.de: Fayl-Billot: Zentrum der Korbflechterei in Frankreich
- Berufsschulen von Nowy Tomysl und Zbaszyn (jeweils Polen)
Remont kosza giganta | Oficjalny Portal Gminy Nowy Tomyśl nowytomysl.pl
Die Fotos in diesem Beitrag sind urheberrechtlich geschützt und stammen von mir und der Familie Schwanninger (©S)





























