Wieder führte der Weg durch die nördlichen Kalkalpen,
jene komplizierte Landschaft —
nicht poetisch kompliziert, nein,
verkehrstechnisch.
Jede Kurve ein Kompromiss zwischen Geologie und EU-Förderung,
jeder Tunnel ein Gebet aus Beton,
jede Lawinengalerie ein Versprechen an die Schwerkraft:
Heute nicht!
„Die Alpen — das Rückgrat Europas“, stand auf dem Schild.
Darunter: eine Hangrutschung.
Man stabilisierte das Rückgrat gerade mit Injektionsmörtel.
Die Berge, heißt es, seien in Behandlung.
Betonimpfpflicht für die Tektonik!
Entlang der Schnellstraße stehen sie nun:
die Lärmschutzwände.
Grau, glatt, geräuschdämmend.
Manchmal in Holzoptik,
damit die Durchreisenden denken:
Wie natürlich.
Die Wände schützen die Einheimischen vor dem Lärm,
die Durchreisenden vor der Landschaft,
und beide vor der Wahrheit.
Hinter den Wänden: vielleicht Dörfer?
Vor den Wänden: Kolonnen.
Dazwischen: Stille, EU-gefördert, schalltechnisch optimiert.
„Ich sehe nichts „, sagt die Touristin enttäuscht.
„Genau“, sagt der Bürgermeister zufrieden.
„Das ist der Fortschritt.“
Die Alpen — früher Postkarte, jetzt Kulisse hinter Beton.
Die Berge erheben sich majestätisch
für niemanden.
Über dem Tal liegt Dunst.
Früher: Nebel.
Heute: Feinstaubkonzentration in Bodennähe.
Die Sprache bleibt vornehm,
auch wenn die Lunge hustet.
Unter dieser Dunstglocke liegt Innsbruck,
Hauptstadt des Heiligen Landes Tirol,
wo bis heute geglaubt wird,
Gott habe das Land persönlich abgesteckt —
mit Wegkreuzen und Förderbescheiden.
Die Glocken läuten pünktlich,
als wären sie Teil des Verkehrsmanagements.
In den Kirchenbänken sitzen dieselben Leute,
die im Gemeinderat über Gewerbegebiete abstimmen.
„Wir müssen an die Zukunft denken“, sagen sie.
Sie meinen: den nächsten Haushaltsposten.
Nichts ist heilig außer den Subventionsgeldern.
Und über allem das Läuten,
damit niemand den Lärm hört.
Der Bürgermeister von Sankt Liebtraud
steht auf der neuen Aussichtsplattform —
EU-gefördert, windanfällig, barrierefrei.
Er blickt hinunter.
Unten zieht sich die Schnellstraße wie eine Operationsnaht durchs Tal.
Links und rechts: die Lärmschutzwände,
grau und endlos,
Paravents gegen die Realität.
Lastwagen rollen in endlosen Kolonnen Richtung Süden und retour.
Sie sind nicht mehr zu hören.
Sie sind nicht mehr zu sehen.
Aber sie sind noch zu riechen —
durch alle Wände hindurch.
„Der Brenner ist unser Herzschlag“, sagt er.
„Aber er stottert.“
Vom Basistunnel redet er nicht gern.
Zu viele Löcher, zu wenig Zulauf, zu viel Wasser.
„Die Deutschen sind halt noch nicht so weit“, sagt er
und lächelt, als wüsste er,
dass die Geologie schon entschieden hat.
Die Berge rutschen.
Die Tunnel heulen.
Und keiner weiß,
ob das Rauschen vom Wasser kommt
oder vom Wahnsinn.
Die Geologen sprechen von „unerwarteten Schichten.“
Der Wirt sagt: „Dös gonze Londt isch a Lasagne.“
Die einen bohren.
Die anderen beten.
Das nennt sich in Tirol: Arbeitsteilung.
Zwischen den Schichten: Wasser, das nicht gefragt wurde.
Zwischen den Gebeten: Rechnungen, die nicht warten.
Zwischen den Wänden: ein Land, das niemand mehr sieht.
In den Tälern schließen die letzten Greißler.
Früher wurden dort Semmeln gekauft,
heute Souvenirs.
Jetzt gibt’s Automaten,
die reden in vielen Sprachen,
aber keiner versteht sie.
Die Gemeinden sind verschuldet,
die Bürgermeister freundlich,
die Kassabücher rot wie Mohnblumen am Straßenrand —
kurz vor der Mahd.
„Wir haben viel erreicht“, sagen sie,
„aber nix davon gehört uns.“
Die Bauern verkaufen Grundstücke.
Die Kinder arbeiten längst in München oder Wien.
„Der Tourismus hat uns alles gegeben“, sagt einer,
„und dann alles genommen.“
Gestern standen noch Kühe auf einer Wiese,
die der Bagger morgen ausheben soll.
Für eine neue Lärmschutzwand.
Damit die Kühe die Lastwagen nicht mehr sehen.
In der Gastro arbeiten Menschen, Gast(ro)arbeiter,
aus Ländern, die in den Nachrichten zu sehen sind.
Sie werden geduldet genannt,
weil das Wort billiger klingt als gebraucht.
Sie servieren, was andere bestellen.
Lächeln, wo keiner hinschaut.
Schicken das Geld heim,
in Länder, die unsere Abfälle recyceln.
Hinter den Lärmschutzwänden wohnen sie zu dritt,
in Zimmern, die eigentlich für einen sind.
„Es geht schon“, sagen sie.
Und schweigen in mehreren Sprachen.
Oben am Gletscher wurde wieder künstlich beschneit.
Das Wasser kommt aus dem Tal,
der Strom aus dem Ausland,
die Hoffnung aus der Werbung.
„Erlebe Gottes herrliche Bergwelt!“
So nennt der Kitsch die geplatzte Erdkruste.
Der alte Lois sagt:
„Früher war der Schnee echt, und die Menschen auch.“
Jetzt lächelt er im Prospekt als Symbolfigur für Authentizität.
Er weiß nicht,
ob er noch existiert
oder schon ins Marketing eingegangen ist.
An der Bar der Jausenstation: ein Mann im Skianzug.
Es war Oktober.
Der Gletscher hatte kein Eis mehr,
aber der Gast fuhr trotzdem hinauf.
Künstliche Schneedecke, 30 Prozent Steigung, 90 Prozent Subvention.
„Es ist halt traurig, dass der Gletscher verschwindet“, sagte er.
Dann bestellte er noch einen Jägermeister.
Von oben sind die Lärmschutzwände nicht zu sehen.
Von oben sieht alles aus wie früher.
Das ist das Geschäftsmodell.
Am Stammtisch reden sie vom Wolf.
Es wären wieder Spuren gefunden worden.
Vielleicht auch nicht.
„Der Wolf gehört nicht her!“, sagt einer.
„Der Tourist schon?“, fragt keiner.
Die Natur ist jetzt eine Gefahrenquelle.
Es wird von „Biodiversität“ gesprochen,
meint aber: „Bitte bleibt draußen.“
Die Tiere, die zurückkamen,
sind unbeliebt,
weil sie nicht bezahlen.
Lärmschutzwände könnten gebaut werden —
gegen die Wölfe, gegen die Bären, gegen die Vergangenheit.
Aber das Geld reicht höchstens für Eisen- oder Autobahn.
Der Pfarrer segnet einen neuen Kreisverkehr.
Die Feuerwehr spielt.
Die Kinder tragen Tracht,
genäht in Bangladesch.
„Tirol hält zusammen“, sagt der Bürgermeister.
Neben ihm steht die Marketenderin —
früher hat sie Betriebswirtschaft studiert,
jetzt trägt sie den Kaspressknödel-Badge am Dirndl
wie eine Auszeichnung für Regionalität.
Der Knödel selbst kommt aus der Großküche in Wörgl,
tiefgefroren, EU-zertifiziert, authentisch bis zur Schmerzgrenze.
„Die besten Kaspressknödel nördlich von Bozen!“, verkündet das Schild.
Südlich davon beginnt bekanntlich Italien,
und damit böswillig nachgesagte Unzuverlässigkeit.
Der Schützenhauptmann steht daneben,
Uniform frisch gebügelt, Hut mit Gamsbart —
echter Gamsbart, kein Plastik,
das wäre ja eine Beleidigung der Tradition.
Beim letzten Fest hat er endlich öffentlich getanzt.
Mit seinem Freund.
Die Musikkapelle spielte weiter,
als wäre nichts gewesen,
und genau das war der Fortschritt:
Es wurde so getan, als wäre Normalität
schon immer normal gewesen.
„So viel Toleranz“, sagt der Sepp später am Tresen,
„da brennt der Schnaps gleich doppelt.“
Er meint seinen Selbstgebrannten —
80 Prozent, ungezuckert, illegal genug, um echt zu sein.
Der Schnaps ist das Letzte, was noch authentisch ist,
weil er nicht im Prospekt steht
und weil das Finanzamt nichts davon weiß.
Er wird unter dem Tisch ausgeschenkt,
wie früher die Wahrheit.
„Des isch no echte Tirola Qualität“, sagt der Sepp
und alle glauben’s ihm,
weil der Speck auch noch echt ist —
drei Jahre gereift, im eigenen Keller,
nicht in der Klimakammer einer Großmetzgerei.
Solange die Selch noch am Hof ist,
gibt es noch ein „hier“.
„Der Speck hält uns zusammen“, sagt einer.
„Und die Schulden“, sagt ein anderer.
Die Schützin — ja, es gibt jetzt auch Schützinnen,
seit drei Jahren offiziell,
seit zwanzig Jahren inoffiziell —
steht etwas abseits und lacht.
Sie trägt eine Uniform wie alle anderen,
nur dass früher gesagt worden wäre:
„Des isch nix fir a Weibsbild.“
Heute wird das nicht mehr gesagt.
Heute heißt es: „Willkommen in der Tradition.“
Die Tradition ist flexibel geworden,
seit die Mitgliederzahlen sinken.
„Hauptsache, die Tracht sitzt“, sagt der Hauptmann,
und meint damit: Hauptsache, es schaut noch aus wie früher,
auch wenn nichts mehr ist wie früher.
Später, als es wieder regnet und die Erde nachgibt,
rufen sie beim Land an.
„Unvorhersehbare geologische Situation“, heißt es.
Das ist das neue Wort für Schicksal.
Die Lärmschutzwand hält.
Der Hang nicht.
Die Kuhglocken sind jetzt elektrisch gesteuert,
wegen der Lärmbeschwerden.
Die Kühe selbst stehen in einem Stall aus Edelstahl,
weil’s hygienischer ist.
Ein Bauer, der früher Alois hieß,
heißt jetzt Lois auf der Werbetafel:
Lois‘ Alpine Experience — Authentische Begegnungen mit dem echten Leben.
Der Lois selbst ist angestellt
bei der Agentur, die den Lois erfunden hat.
Er steht manchmal an der Schnellstraße,
lehnt an der Lärmschutzwand,
raucht eine Zigarette
und fragt sich,
ob er selbst noch echt ist
oder schon Hologramm.
Im Industriegebiet steht die große Halle leer —
früher Glasfabrik,
jetzt Eventfläche für E-Mobility-Messen.
Der neue Eigentümer kommt aus München.
„Aber das ist ja EU“, sagt der Bürgermeister versöhnlich.
In der Zeitung steht:
Strukturwandel durch Innovation.
Das bedeutet:
Was tot ist, nennen wir Zukunft.
Abends, wenn die Glocken läuten
und die Autobahn rauscht —
nein, nicht mehr rauscht,
denn die Lärmschutzwände stehen ja —
wenn also die Glocken läuten
und die Autobahn hinter Beton verschwindet,
denkt der Bürgermeister an die Wärmepumpen.
„Die Zukunft ist leise“, sagt er zu sich selbst.
Aber sie ist nicht leise.
Sie dröhnt aus jedem Tunnel.
Sie zischt aus jedem Riss im Fels.
Sie flackert im Strom der Fördermittel.
Die Lärmschutzwände stehen,
und dahinter verschwindet das Land —
langsam, geräuschlos, EU-konform.
Tirol —
ein Land unter Beobachtung.
Die Berge: in Bohrung.
Die Täler: versiegelt.
Die Dörfer: entkernt.
Der Glaube: funktionstüchtig.
Die Sicht: verbaut.
Der Lärm: gedämmt.
Die Wahrheit: hinter Wänden.
Der Speck: noch echt.
Der Schnaps: noch illegal.
Die Schützen: mittlerweile divers.
Die Kaspressknödel: tiefgefroren.
Und über allem das Läuten der Glocken,
damit der Lärm nicht gehört wird,
der Verkehr nicht gesehen wird,
das Rutschen nicht bemerkt wird.
Die Durchreisenden sehen nichts.
Die Einheimischen hören nichts.
Und beide glauben,
es sei alles in Ordnung.
So funktioniert der Fortschritt:
Wände werden zwischen die Dinge gebaut,
bis niemand mehr weiß,
was auf der anderen Seite ist.
Tirol — ein Land mit geothermischer Krawatte,
eingepackt in Lärmschutzwände,
unsichtbar für die einen,
unhörbar für die anderen,
entzieht dem Boden den Saft.
Und isch nua oans, allen herzlich teuer
Hinweis zum folgenden Hinweis
Der folgende Hinweis weist ausdrücklich darauf hin, dass er ein Hinweis ist, der auf sich
selbst hinweist. Jede Ähnlichkeit mit ernstgemeinten Nachworten, juristischen Absicherungen
oder feuilletonistischen Rechtfertigungsfloskeln ist beabsichtigt und dient dem Schutz vor
jener Realität, die längst zur Parodie ihrer selbst geworden ist.
• Alle erwähnten Personen, Orte und Begriffe – einschließlich „Alpenraum“, „Tradition“ und
„Zukunft“ – sind erfunden, überinterpretiert oder bereits in anderen Texten schon plagiiert
worden.
• Sollte jemand sich, seine Gemeinde oder seinen Bürgermeister wiedererkennen, handelt es
sich um ein Missverständnis zwischen Kunst und Topografie.
• „Sankt Liebtraud“ ist eine poetische Notwehr gegen Google Maps.
Dieser Text beabsichtigt alles und nichts zugleich.
• Er kritisiert Strukturen, ohne zu wissen, wer sie gebaut hat.
• Er verteidigt Tradition, solange sie fotogen ist.
• Er thematisiert Regionalpolitik, weil man das in Förderanträgen angeben muss.
• Und er transformiert ländliche Räume, zumindest im Satzbau.
Abschnitte, die sich mit Migration, Arbeit oder Identität befassen, tun dies mit aufrichtigem
Zynismus.
Der Text solidarisiert sich mit allen, die noch an irgendetwas glauben, und kritisiert
gleichzeitig die Mechanismen, die daraus Merchandise machen.
Regionale Stereotype werden mit Liebe reproduziert, um ihre Vermarktung zu kritisieren –
und ihre Verkäuflichkeit zu testen.
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Stand: Oktober 2025 – solange kein anderer Disclaimer Einspruch erhebt._
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