Janus Zeitstein . ein poetologisches Statement

Janus Zeitstein steht für die Suche nach dem Neuen in Wort, Schrift und Sprache. Es gibt unzählige Möglichkeiten sich auszudrücken, zu kommunizieren, das Gegenüber teilhaben zu lassen an Gedanken und Gefühlen.

Auch wenn die Suche manchmal auf der Spitze eines Berges beginnt…

wir stehen in Wirklichkeit erst am Anfang.

 

 

Gradus ad Linkerskopf

(von Janus Zeitstein)

 

(mit Dank an D.L.)

Ein Dialog zwischen einer suchenden Person und Luna Palestrina vom Linkerskopf über die Befreiung der lyrischen Komposition von den Fesseln alter Regeln

 

Am Fuße des Linkerskopfs, der sich — wie die Tourismusbroschüre nicht müde wird zu erwähnen — exakt so hoch erhebt wie der berühmteste Gipfel im Parnass-Massiv (eine Koinzidenz, die vielleicht nicht zufällig ist), wo die Allgäuer Alpen ihre PR-tauglichen Panoramen gen Instagram-Himmel recken und die Morgennebel photogen zwischen sorgsam gepflegten Fichten und Lärchen weben, liegt — laut verschiedenen Literaturblogs — das ultimative Orakel der postmodernen Dichtkunst.

 

Hier, wo früher ökologisch korrekt Gämsen ihre CO₂-neutralen Pfade zogen und Alpendohlen ihre Flugmuster optimierten, verkündet seit uralten Zeiten (genauer: seit der Gründung des örtlichen Poesievereins 1978) eine Stimme ihre Wahrheiten, die die einheimischen Hütten – Philosoph:innen ehrfürchtig „Luna Palestrina“ nennen — in Anlehnung an jene große Tradition der Polyphonie, die bekanntlich die Stimmen zu himmlischer Harmonie führte, bevor die Musikindustrie alles kommerzialisierte.

 

Eine suchende Person, erschöpft von den fossil gewordenen Regeln der etablierten Verskunst und brennend nach Erneuerung der lyrischen Komposition, unternimmt die beschwerliche (Instagram-dokumentierte) Pilgerreise zum legendären Orakel.

 

Die Ankunft

 

Die suchende Person: Luna, Hüterin des noch nicht vermarkteten Wissens, ich komme zu dir aus den übertouristisierten Tälern Tirols, wo Dichtende noch immer in den rostigen Ketten der prä-digitalen Metrik gefangen sind. Die Verse unserer Zeit sollen endlich frei atmen wie die noch nicht verpestete Bergluft, aber welche neue Ordnung soll sie leiten, wenn Reim und Silbenmaß nicht mehr im Trend liegen?

 

Luna Palestrina: Willkommen, du Sucher:in aus dem Land der Seilbahnen, Sessellifte und Poetry Slams in Gasthäusern. Du fragst nach Ordnung, wo die Ewiggestrigen nur Chaos wittern. Höre und merke dir gut: Wie die Bergketten ihre eigene, von keinem Kulturministerium genormte Geometrie haben — nicht die langweilige der Ebene, sondern die authentische des aufstrebenden, ungeschminkten Gesteins — so hat auch die wahrhaft neue Lyrik ihre eigenen, noch nicht von Literaturkritiker:innen zerredeten Gesetzmäßigkeiten.

 

Die erste goldene Regel lautet: Der Rhythmus der Sprache folge dem ursprünglichen Rhythmus des Atems und des Herzschlags — nicht dem Takt der Produktivitätsoptimierung.

 

Vom revolutionär neuen Rhythmus

 

Die suchende Person: Aber wie erkenne ich diesen authentischen Atemrhythmus? Die alten Jamben und Trochäen waren zwar spießig, aber immerhin wie verlässliche Wegmarkierungen im Gebirge — sichtbar und GPS-unabhängig.

 

Luna Palestrina: Setze dich auf diesen noch nicht touristisch erschlossenen Felsbrocken und lausche mit unverbildeten Ohren. Hörst du, wie der Wind durch die Zirben fährt? Einmal kraftvoll-vital, einmal sanft-meditativ, einmal abgehackt-modern, dann wieder lang gezogen-episch. Genau so soll dein befreiter Vers fließen — nicht im mechanischen Takt einer Marschkapelle aus dem vorigen Jahrhundert, sondern im lebendigen, organischen Rhythmus der unverdorbenen Natur.

 

Die zweite Regel: Jeder Vers hat sein individuelles Zeitmaß, authentisch geboren aus dem, was er wirklich zu sagen hat — nicht aus dem, was der Markt erwartet.

 

Schreibe einen Vers über Stille — er wird kurz und bedächtig sein, wie Meditation. Schreibe über einen Sturm — er wird wild und ungestüm daherbrausen wie ungezähmte Natur. Das Metrum dient endlich dem Inhalt, nicht umgekehrt, wie es manche noch immer predigen.

 

Von der ganzheitlich neuen Harmonie

 

Die suchende Person: Wenn aber jeder Vers sein eigenes, individuelles Maß hat, wie entsteht dann noch Zusammenhang? Wo ist die Einheit des Gedichts, ohne die doch alles Chaos wird?

 

Luna Palestrina: Du denkst noch wie eine handwerklich denkende Person der Ebene. Sieh mit befreiten Augen hinauf zu den Gipfeln: Jeder hat seine einzigartige Form, und doch bilden sie zusammen eine harmonische Kette — ohne Gleichmacherei! Die wahre Einheit entsteht nicht durch Gleichförmigkeit, sondern durch melodische Verwandtschaft — ein Begriff, den die Schulpoetik nicht kennt.

 

Die dritte Regel: Die Verse eines Gedichts sollen wie Geschwister sein — erkennbar als Familie, aber jede:r mit dem authentischen, unverwechselbaren Gesicht. Ein wiederkehrender Klang, ein ähnlicher Atemzug, eine verwandte Bewegung — das sind die Reime der Zukunft, nicht die abgestumpften der Vergangenheit.

 

Von den Bildern als Bausteine

 

Die suchende Person: Und die Bilder, Luna? Sollen sie kristallklar sein wie unberührte Bergseen oder geheimnisvoll-vieldeutig wie Morgennebel?

 

Luna Palestrina: Die vierte Regel: Ein Bild soll präzise sein wie ein Steinschlag und zugleich vieldeutig wie ein Echo in unendlichen Bergen. Die neue Lyrik lebt von der produktiven Spannung zwischen Klarheit und Geheimnis — ein Konzept, das Konservative nicht verstehen.

 

Wenn du schreibst „Der Gletscher bricht“, dann sollen alle das dramatische Krachen hören. Aber lass bewusst offen, ob es ein profaner Gletscher aus simplem Eis ist oder ein metaphysisches Massiv aus Zeit, aus Schweigen oder aus verdrängter Erinnerung. Die Bilder der wahren neuen Dichtung sind wie rare Bergkristalle — klar in ihrer äußeren Form, aber voller faszinierender innerer Brechungen.

 

Von der Komposition des Ganzen

 

Die suchende Person: Wie aber füge ich diese befreiten Verse zu einem stimmigen Ganzen? Wo ist der Bauplan für das wirklich neue Gedicht?

 

Luna Palestrina: Sieh mit geschärftem Blick, wie dieser Berg organisch aufgebaut ist: Unten das solide, breite Fundament, in der Mitte die dramatisch schroffen Hänge, oben der kristalline, reine Gipfel. Jede Schicht hat ihre unverzichtbare Funktion! Die fünfte Regel: Ein wahres Gedicht braucht Grund, Bewegung und Gipfel — mehr nicht, aber auch nicht weniger.

 

Der Grund: Hier verankerst du die Lesenden in einer noch erkennbaren Welt — ein Ort, eine Zeit, eine Grundstimmung.

 

Die Bewegung: Hier entwickelst du die innere, unausweichliche Spannung — eine brennende Frage, ein echter Konflikt, eine echte Verwandlung.

 

Der Gipfel: Hier kommt die Erkenntnis, die überraschende Wendung, das völlig neue Sehen — kurz und kristallen wie der erste, jungfräuliche Schnee.

 

Von der Sprache als lebendem Wesen

 

Die suchende Person: Und die Worte selbst, Luna Palestrina? Sollen sie ehrwürdig alt sein oder revolutionär neu, erhaben hoch oder erdverbunden gewöhnlich?

 

Luna Palestrina: Die sechste Regel: Wähle deine Worte wie erfahrene Bergführer:innen — nicht nach ihrem oberflächlichen Aussehen oder gesellschaftlichen Status, sondern ausschließlich nach ihrer Kraft, dich sicher ans Ziel zu bringen.

 

Ein Wort aus der unverbildeten Mundart kann mächtiger sein als ein toter lateinischer Begriff, ein spontanes Kinderwort kann tiefer gehen als ein akademisches Fachwort. Die befreite neue Lyrik kennt keine reaktionären Standesunterschiede der Sprache. Was allein zählt, ist die Präzision des Ausdrucks und die kompromisslose Wahrhaftigkeit des Tons.

 

Hüte dich vor Worten, die nur schön klingen, aber nichts leisten. Liebe Worte, die hart arbeiten — wie ehrliche Handwerker:innen.

 

Von der Zeit und dem Raum im befreiten Gedicht

 

Die suchende Person: Die alten, verstaubten Gedichte hatten oft einen spießig klaren Zeitverlauf — Morgen, Mittag, Abend, wie ein Arbeitstag. Wie verhält es sich mit der Zeit in der revolutionären neuen Lyrik?

 

Luna Palestrina: Die siebte Regel: Die Zeit im wahren Gedicht orientiert sich nicht am mechanischen Takt der Fabrikuhr, sondern an der subjektiven Intensität des authentischen Erlebens. Ein einziger Augenblick kann sich über zehn Verse dehnen, zehn Jahre können in einem einzigen, geladenen Wort vergehen.

 

Wie hier oben auf dem zeitlosen Berg: Die Jahreszeiten verwischen organisch, Vergangenheit und Gegenwart fließen natürlich ineinander. Der Schnee von gestern liegt friedlich neben dem Eis von tausend Jahren. So soll auch dein befreites Gedicht mit der Zeit umgehen — souverän und frei von Zwängen.

 

Von der ungeschminkten Wahrheit des Gefühls

 

Die suchende Person: Aber soll das neue Gedicht die Gefühle direkt aussprechen oder sie künstlerisch verbergen?

 

Luna Palestrina: Die achte Regel: Zeige das Gefühl in seiner ganzen Kraft, benenne es aber niemals banal. Statt zu schreiben „Ich bin traurig“, zeige die Trauer im Gang der Worte, im spezifischen Gewicht der Silben, in der emotionalen Farbe der Bilder.

 

Wie die Berge ihre wechselnden Stimmungen nicht plump verkünden, sondern authentisch leben — im natürlichen Wechsel von Licht und Schatten, in der Art, wie sie die Wolken tragen, im beredten Klang ihrer Stille. So soll auch dein Gedicht das Gefühl nicht altelterlich erklären, sondern kraftvoll verkörpern.

 

Neunter Gesang: Von der Stimme der Dichtenden

 

Die suchende Person: Wer spricht denn eigentlich im neuen Gedicht? Der/die Autor:in höchstpersönlich oder eine literarisch erfundene Figur?

 

Luna Palestrina: Die neunte Regel: Jedes wahre Gedicht erschafft die ganz eigene, unverwechselbare Sprechstimme. Diese kann der biografischen schreibenden Person oberflächlich ähneln oder völlig fremd sein — das spielt überhaupt keine Rolle für die Qualität. Was einzig zählt, ist, dass diese Stimme absolut authentisch klingt in der spezifischen Welt des Gedichts.

 

Sei ein(e) Verwandlungskünstler:in der Sprache – ein(e) Methoden-Poet:in! Schlüpfe virtuos in die Haut der/desjenigen, der/die unbedingt sprechen muss — sei es ein Kind, ein(e) Greis:in, ein Stein oder der Wind selbst. Die neue Lyrik ist nicht mehr die langweilige Beichte des/der Autor(s):in, sondern Vielgesang der Stimmen — Demokratie der Töne.

 

Von der wahren Vollendung

 

Die suchende Person: Wie erkenne ich denn, dass ein Gedicht wirklich vollendet ist? Die alten Formen hatten wenigstens ihre festen, berechenbaren Rahmen.

 

Luna Palestrina: Die zehnte und allerletzte Regel: Ein Gedicht ist erst dann wahrhaft vollendet, wenn jedes einzelne Wort absolut notwendig ist und kein einziges notwendiges Wort fehlt. Wie ein perfekter Bergkristall, an dem du keinen Splitter wegnehmen und keinen hinzufügen könntest, ohne seine Vollkommenheit zu zerstören.

 

Lies dein Gedicht laut vor — hier, wo die ewigen Gipfel unvoreingenommen zuhören. Was stolpert, muss geglättet werden. Was schwammig schwebt, obwohl es gewichtig sein sollte, braucht ehrliche Erdung. Was schwerfällig klingt, obwohl es leicht sein sollte, muss befreit werden von überflüssigem Ballast.

 

Der Abstieg

 

Die suchende Person: Luna, deine Lehren sind wie klares, ungefiltertes Quellwasser — erfrischend und belebend für alle Durstigen. Aber werden sie auch in den Tälern verstanden, wo die Menschen andere, profanere Sorgen haben?

 

Luna Palestrina: Die wahre Dichtung, du suchende(r) Pilger:in, ist wie das reine Licht dieser unverfälschten Berge — es strahlt überallhin, auch zu den Philister:innen. Was hier oben in der klaren Luft der Höhe geboren wird, kann auch unten in den Niederungen Herzen bewegen und verfinsternde Geister erhellen. Gehe nun hinab und gib großzügig weiter, was du empfangen hast.

 

Die neue Lyrik wartet sehnsüchtig darauf, dass mutige, unerschrockene Menschen ihr endlich eine Stimme geben. Schreibe nicht für die Kritiker:innen der Ebene oder die Funktionär:innen der Literaturverwaltung, sondern für die unstillbare Sehnsucht der Menschen nach Schönheit und kompromissloser Wahrheit.

 

Die suchende Person: Ich danke dir von Herzen, Hüterin der wahren neuen Dichtkunst. Die zehn Regeln will ich bewahren wie kostbare Bergkristalle. Mögen sie vielen den Weg weisen zu einer Lyrik, die frei ist wie der ungezähmte Bergwind und klar wie der Firn im ersten Morgenlicht — fernab aller Kulturindustrie.

 

So endete die denkwürdige Begegnung am sagenumwobenen Linkerskopf, und die suchende Person stieg hinab in die Täler, das Herz voller Erkenntnisse und die Seele bereit für die große Erneuerung der Dichtkunst.

 

 

Die zehn Regeln der wahrhaft neuen lyrischen Komposition

 

  1. Der Rhythmus der Sprache folge dem ursprünglichen Rhythmus des Atems und des Herzschlags.

  2. Jeder Vers hat sein individuelles Zeitmaß, geboren aus dem, was er authentisch zu sagen hat.

  3. Die Verse eines Gedichts sollen wie Geschwister sein — erkennbar als Familie, aber jede:r mit dem unverwechselbaren Gesicht.

  4. Ein Bild soll präzise sein wie ein Steinschlag und vieldeutig wie ein Echo.

  5. Ein wahres Gedicht braucht Grund, Bewegung und Gipfel.

  6. Wähle deine Worte wie erfahrene Bergführer:innen — nach ihrer Kraft, dich sicher ans Ziel zu bringen.

  7. Die Zeit im Gedicht folgt nicht der mechanischen Uhr, sondern dem authentischen Erleben.

  8. Zeige das Gefühl, benenne es niemals banal.

  9. Jedes Gedicht erschafft die eigene, unverwechselbare Sprechstimme.

  10. Ein Gedicht ist vollendet, wenn jedes Wort notwendig ist und kein notwendiges Wort fehlt.

 

 

 

Ein paar Zeilen über die Linkerskopf-Poetik
(von Janus Zeitstein)

 

Als ich nun den „Gradus ad Linkerskopf“ wieder aufmerksam gelesen habe, schien er mir fast eine ironische Parodie auf die klassischen Poetiken zu sein. Doch bei genauerer Betrachtung erkannte ich, dass er sich als subtile Neuformulierung grundlegender poetischer Prinzipien entpuppt.

 

Wo Martin Opitz 1624 sein „Buch von der Deutschen Poeterey“ als erste systematische deutsche Verslehre verfasste und damit den Grundstein für eine regelgeleitete nationale Dichtkunst legte, sehe ich, wie Luna Palestrina vom Linkerskopf eine Gegenpoetik entwirft, die Freiheit predigt und dennoch neue Ordnungen stiftet. Diese scheinbare Paradoxie ist für mich das Herzstück des Werks: Ich erkenne darin eine Metapoesie oder Morphopoetik, die ihre eigenen Regeln reflektiert, während sie sie aufstellt.

 

Die satirische Einkleidung mit ihren zeitgenössischen Anspielungen auf Instagram, CO₂-Neutralität und Poetry Slams verstehe ich als Camouflage für eine durchaus ernsthafte poetologische Auseinandersetzung mit den Grundfragen lyrischer Komposition.

Opitzens Reformation der deutschen Dichtung beruhte, wie ich weiß, auf der Übernahme antiker Versmaße und der Etablierung fester metrischer Strukturen. Seine Poetik war normativ und ausschließend – sie wollte die deutsche Dichtung durch Regelwerk veredeln und von der volkstümlichen Tradition abgrenzen.

 

Die Linkerskopf-Poetik kehrt diese Bewegung um, wie ich meine: Sie predigt Befreiung von starren Formen, bleibt aber strukturell durchaus systematisch.

 

Regel 1 („Der Rhythmus der Sprache folge dem ursprünglichen Rhythmus des Atems und des Herzschlags“) stellt, so finde ich, dem mechanischen Metrum Opitzens einen organischen Rhythmus entgegen. Das ist für mich keine beliebige Formlosigkeit, sondern eine Rückbesinnung auf physiologische Grundlagen der Sprache.

Regel 2 („Jeder Vers hat sein individuelles Zeitmaß“) individualisiert den Vers und macht ihn zum Träger spezifischer semantischer Qualitäten – eine Idee, die meiner Ansicht nach der klassischen Trennung von Form und Inhalt fundamental widerspricht.

Regel 3 („Die Verse eines Gedichts sollen wie Geschwister sein“) ersetzt, wie ich es verstehe, die mechanische Einheit des traditionellen Reims durch eine organische Verwandtschaft – ein Konzept, das bereits auf die moderne Idee des „freien Verses“ vorausweist.

 

Schon Johann Wolfgang von Goethe praktizierte, so wird mir im Nachhinein klar, intuitiv viele der Linkerskopf-Regeln, lange bevor sie theoretisch formuliert wurden. Seine Entwicklung von den frühen Rokoko-Versen zu den freien Rhythmen der Sturm-und-Drang-Zeit zeigt mir exemplarisch den Übergang von regelgeleiteter zu organischer Formgebung.

In „Wandrers Sturmlied“ (1772) folgt bereits der Rhythmus dem „Atem und Herzschlag“ des sprechenden Subjekts, möchte ich behaupten. Die Verse haben ihr „individuelles Zeitmaß“, geboren aus der jeweiligen emotionalen Intensität.

Das berühmte „Über allen Gipfeln ist Ruh“ verkörpert für mich die 5. Regel perfekt: Es hat einen „Grund“ (die Landschaftssituation), „Bewegung“ (die kontemplative Versenkung) und einen „Gipfel“ (die Todesahnung des Schlusses).

Goethes spätere Lyrik zeigt zudem, wie „melodische Verwandtschaft“ (Regel 3) an die Stelle mechanischer Reimschemata treten kann. Mir kommt es vor, dass die „Römischen Elegien“ oder der „West-östliche Divan“ von subtilen klanglichen Entsprechungen leben, die organischer sind als starre Reimpaare.

 

Auch Paul Celans Poetik ist für mich wie eine Vorwegnahme der Linkerskopf-Regeln. Seine Verse folgen einem hochindividuellen Rhythmus (Regel 1 und 2), der sich aus der existentiellen Notwendigkeit des zu Sagenden ergibt.

Die berühmten Zeilen aus der „Todesfuge“ – „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends“ – zeigen mir, wie ein Bild „präzise wie ein Steinschlag und vieldeutig wie ein Echo“ (Regel 4) sein kann.

Celans Sprachbehandlung entspricht meines Erachtens genau der 6. Regel: Er wählt seine Worte „wie erfahrene Bergführer – nach ihrer Kraft, sicher ans Ziel zu bringen“. Jedes Wort bei Celan ist funktional, keines nur ornamental, wie ich laienhaft zu sagen wage. Seine Neologismen („Niemandsrose“, „Atemwende“) entstehen aus der Notwendigkeit, das Unsagbare dennoch zu sagen.

Die 8. Regel („Zeige das Gefühl, benenne es niemals banal“) könnte meiner Meinung nach sogar als Zusammenfassung von Celans gesamter Poetik gelten. Seine Gedichte sprechen von Vernichtung und Trauer, ohne diese Worte je direkt zu verwenden. Das Gefühl wird im „Gang der Worte“ und in der „Farbe der Bilder“ verkörpert.

 

Selbst Georg Trakls Lyrik antizipiert, wie ich finde, mehrere Linkerskopf-Prinzipien. Seine Bilder sind von einer „präzisen Vieldeutigkeit“ geprägt – wenn er schreibt „Es ist ein Stoppelfeld, in das ein schwarzer Regen fällt“, dann ist das für mich konkret und metaphysisch zugleich. Der „schwarze Regen“ ist meteorologisches Phänomen und Chiffre für existentielle Bedrohung.

Trakls Gedichte haben also durchwegs die geforderte Struktur von „Grund, Bewegung und Gipfel“ (Regel 5), könnte man sagen. Sie beginnen meist in einer noch erkennbaren Welt („Am Abend tönen die herbstlichen Wälder“), entwickeln dann eine innere Spannung durch surreale Transformationen und gipfeln in kristallinen Erkenntnismomenten („Unter Dornen sinkt das wilde Blut“).

 

Und erst Ernst Jandl, dessen 100. Geburtstag gerade gefeiert wird! Er radikalisiert die 9. Regel („Jedes Gedicht erschafft die eigene, unverwechselbare Sprechstimme“) auf extreme Weise, was ich schon immer bewundert habe. Seine konkreten Gedichte wie „schtzngrmm“ oder „lichtung“ schaffen völlig neue Sprechweisen, die weit über konventionelle lyrische Stimmen hinausgehen.

Jandls Experimente mit Dialekt und Sprachdekonstruktion entsprechen, so sehe ich es jedenfalls, der 6. Regel: Er wählt seine Sprachmittel nicht nach gesellschaftlichem Status, sondern nach ihrer Ausdruckskraft. Ein Gedicht wie „wien : heldenplatz“ zeigt mir, wie „ein Wort aus der unverbildeten Mundart mächtiger sein kann als ein toter lateinischer Begriff“.

 

Die ironische Präsentation der Linkerskopf-Poetik ist für mich ein poetologisches Statement. Indem sie traditionelle Formen des poetologischen Diskurses (den philosophischen Dialog, die systematische Regellehre) parodiert, praktiziert sie gleichzeitig ihre eigene 8. Regel: Sie zeigt ihre poetologische Überzeugung, ohne sie „banal zu benennen“, will ich behaupten. Die zeitgenössischen Anspielungen wirken zunächst wie satirisches Beiwerk, entpuppen sich aber als funktional: Sie übersetzen klassische poetologische Probleme in eine zeitgemäße Sprache und machen sie so wieder diskutierbar.

Wenn von „CO₂-neutralen Pfaden“ der Gämsen die Rede ist, wird das klassische Topos der Naturidylle m. E. ironisch gebrochen und gleichzeitig in die Gegenwart übersetzt.

 

Der „Gradus ad Linkerskopf“ steht verschmitzt in der großen Tradition poetologischer Schriften von Aristoteles‘ „Poetik“ über Opitz bis zu den Manifesten der Moderne, bricht aber radikal mit deren normativem Gestus. Er formuliert Regeln, die Regellosigkeit predigen – ein Paradox, das, wie ich meine, die Moderne charakterisiert.

 

Die zehn Regeln sind für mich weniger Vorschriften als Erinnerungen an die grundlegenden Kräfte poetischer Sprache: Rhythmus, Präzision, Notwendigkeit. Sie wollen nicht normieren, sondern sensibilisieren. In diesem Sinne sind sie tatsächlich eine „radikale Neufassung“ von Opitzens Poetik – nicht als deren Gegenteil, sondern als deren dialektische Aufhebung, so interpretiere ich es jedenfalls.

Der „Gradus ad Linkerskopf“ ist für mich Poetik und Kritik der Poetik zugleich, Morphopoetik eben. Er zeigt mir, dass auch die Befreiung von Regeln regelhafte Strukturen braucht, und sei es nur die Schrift oder ein Buchstabe. Die satirische Form ist dabei nicht zufällig gewählt: Sie erlaubt es, ernsthafte poetologische Positionen zu entwickeln, ohne in den Verdacht dogmatischer Festlegung zu geraten.

 

In der Tradition deutscher Poetik steht dieses Werk genau zwischen Opitzens Normierung und der völligen Formauflösung der Spätmoderne. Es zeigt uns Wege auf, wie lyrische Sprache ihre Eigengesetzlichkeit behaupten kann, ohne in Beliebigkeit zu verfallen. Ob diese Wege begehbar sind, wird die Praxis zeigen müssen – aber als Orientierung für „die große Erneuerung der Dichtkunst“ taugen die zehn Regeln allemal, davon bin ich überzeugt.

 

Ob allerdings Belehrung zu  Befreiung führen kann, bleibt die Frage.

 

 

 

Ich bedanke mich bei dem aus Hall in Tirol stammenden und in Wien lebenden Schriftsteller für die Einblick in sein Schaffen. Die Lyrik als persönliche Ausdrucksform ist wandelbar, ein Spiegelbild und ein Werkzeug für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 

Janus Zeitstein

 

 

 

Foto und Text in diesem Beitrag sind urheberrechtlich geschützt und stammen von Janus Zeitstein.


Kommentare

Ein Kommentar zu „Janus Zeitstein . ein poetologisches Statement“

  1. Avatar von Sylvia Krismayr
    Sylvia Krismayr

    Der DichtER, dER LesER, dER IntERpret in einER PERson:
    eine interessante Konstellation!
    Die Belehrung eher Wiederbelebung, ErINNERung denn Erneuerung…so der Interpret – das Werk an sich beispielhafter Vorreiter und wehmütiger Nachklang…beseelt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Accessibility Toolbar